Mittelbayerische Zeitung: Auch die Widersprüche aushalten/Vor 30 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Die Oberpfalz und Pilsen feiern die Partnerschaft, die sich entwickelt hat. Andernorts wird gehadert. Von Christine Strasser

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(ots)

Böhmische Knödel und Oberpfälzer Bier - nicht nur

die Liebe, sondern offenbar auch die Völkerverständigung geht durch den Magen. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sitzen die Vertreter der Partnerregionen Oberpfalz und Pilsen häufig zusammen am Tisch. Da geht es freilich nicht ums Essen, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern vor allem um die Zusammenarbeit. Die gelang in den vergangenen drei Jahrzehnten immer besser. Sogar einen grenzüberschreitenden Rettungsdienst gibt es. Die einstigen Randgebiete verbindet heute eine starke Bande. Das ist ein Grund zum Feiern. In der bayerischen Vertretung in Brüssel haben die europäischen Vorzeigeregionen genau das gerade getan und dabei ihre Erfolgsprojekte vorgestellt. Und wenn kulinarische Spezialitäten aufgefahren werden, sitzt es sich gleich viel gemütlicher beisammen. Die Geschichte der Regionalkooperation zwischen Pilsen und der Oberpfalz ist eine, die Mut macht. Aber das gilt nicht für alle Geschichten, die sich 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erzählen lassen. Der Blick auf die innerdeutsche Entwicklung stimmt deutlich nachdenklicher. Es ist jetzt nämlich auch 30 Jahre her, dass die ungarische Regierung alle DDR-Bürger nach Österreich ausreisen ließen. Rund zwei Wochen später trat dann der damalige Außenminister Hans Dietrich Genscher auf den Balkon der deutschen Botschaft in Prag, um den DDR-Flüchtlingen mitzuteilen, dass ihre Ausreise möglich ist. Der Jubel war riesig. Die Euphorie von damals ist jedoch teils verbitterter Ernüchterung gewichen. Zumindest beschlich einen dieser Eindruck in den vergangenen Wochen. Die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland wurden vor dem Hintergrund der Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Ende des Monats in Thüringen immer wieder thematisiert, ja betont. Zieht man die Statistiken heran, ergibt sich aber ein viel diverseres Bild. Auf ostdeutscher Seite gibt es gute Gründe, Fehlentwicklungen zu kritisieren. Eine Erkenntnis sticht dabei hervor, weil sie so besonders bitter ist: In den Kreisen von Entscheidern sind Ostdeutsche noch immer eklatant unterrepräsentiert. Dabei schneiden vor allem Thüringen und Sachsen in Bildungsstudien regelmäßig mit Spitzenpositionen ab. Auch eine Wohlstandslücke zwischen Ost und West tut sich auf. 60 der einkommensschwächsten Landkreise und Städte der Republik sind im Osten, sagen Daten der Agentur für Arbeit aus dem Sommer 2019. Es gibt tatsächlich eine Schieflage. Wahr ist andererseits auch, dass sich mittels Daten eine ähnliche Kluft zwischen Nord- und Süddeutschland darstellen lässt. Auch im Westen haben ganze Regionen wirtschaftlichen Niedergang erlebt. Das zeigt, dass es nicht darum gehen kann, Regionen und die Menschen, die sie bewohnen, gegeneinander auszuspielen. Denn so einfach lassen sich Entwicklungen eben nicht mit einem Schwarz-weiß-System beziehungsweise einem Gut-Schlecht-Schema erklären. Das Leben und wie es die Menschen in den vergangenen Jahren erlebt haben, ist voller Widersprüche. In Wahrheit zeigen doch sämtliche Phänomene des politischen, gesellschaftlichen und privaten Lebens, je näher sie betrachtet werden, umso größere Unterschiede. Es gibt Momente, um zu feiern, und es gibt Momente, um unzufrieden zu sein. Widersprüche muss man eben auch einfach einmal aushalten - und nicht ausblenden. Die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands ist ein Grund zum Feiern. Bald steht der 3. Oktober an, um das zu tun. Aber auch beim Feiern geht es ja nicht um unkritischen Jubel.

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